In einer echten Krise kann man nicht auf Neustart drücken – in einer Simulation schon.

KRISENRAUM | Podcast-Folge #28

Im Gespräch mit Sophia Klewer: Immersive Krisensimulation So trainieren Sie Ihren Krisenmuskel 

Heute sprechen wir mit Sophia Klewer (COO von PREVENCY) und Markus Glanzer (CEO, Die Krisenplaner) darüber, warum immersive Krisensimulationen in Trainings einen echten Mehrwert bieten und wie Unternehmen und Organisation damit ihren Krisenmuskel trainieren können. 

Folgende Fragen stehen dabei im Mittelpunkt: 

  1. Was heißt „immersiv“ überhaupt?
  2. Wie läuft eine Krisensimulation konkret ab?
  3. Welche Szenarien kann man damit abbilden?
  4. Für wen lohnt sich eine immersive Krisensimulation?
  5. Was bleibt nach der Übung konkret übrig?
Teaser-Podcast-Krisensimulation

PREVENCY® ohne Fachjargon erklärt in 30 Sekunden: Sophia Klewer, wer bist du und was genau ist PREVENCY®?

▶️ Sophia Klewer: Danke für die Einladung – ich freue mich sehr, heute dabei zu sein. Ich bin Sophia Klewer, Chief Operating Officer bei PREVENCY®. Wir haben uns auf Krisensimulationen spezialisiert. Wir entwickeln eine Krisensimulations-Software, mit der wir dynamische Krisensituationen möglichst realitätsnah abbilden – und so einen sicheren Raum zum Üben schaffen. In Deutschland führen wir zusätzlich auch selbst Krisentrainings durch.

Warum erleben diese Simulationen gerade jetzt einen Push? Was hat sich in der Krisenrealität in den letzten Jahren verändert?

▶️ Sophia Klewer: Mein Eindruck ist: Die Krise an sich hat sich verändert. Früher dachte man eher an den großen „schwarzen Schwan“, der einen Bereich trifft und irgendwann abgeschlossen ist. Heute erleben viele Organisationen eine sehr dynamische Gesamtlage: Krisen schleichen sich ein, sind nicht mehr so klar abgrenzbar, Anfang und Ende verschwimmen. Es ist komplexer geworden – mehr Bereiche sind betroffen, alles ist vernetzt, und wir haben häufiger systemische Probleme. Tabletop-Übungen sind großartig, um Prozesse und Strukturen zu durchdenken. Aber heute geht es stark um Resilienz in dynamischen Situationen mit vielen Folgeeffekten. Genau das kann man mit Krisensimulationen sehr gut abbilden – denn unter Stress funktionieren wir anders als im Daily Business.

▶️ Markus Glanzer: Schön wäre es, wenn Krisenmanagement so funktioniert: Krise kommt, wir gehen ins Krisenmanagement, zwei Tage später ist alles vorbei. So funktioniert die Welt heute nicht mehr. Krisen sind oft multiple, aneinandergekettet, mit Kaskaden-Effekten. Und zusätzlich zur operationellen Krise gibt es die kommunikative Ebene: Zu spät kommuniziert, falsch kommuniziert – oder sogar richtig kommuniziert, aber die Öffentlichkeit interpretiert es anders, und die Krise brennt über soziale Medien weiter, manchmal unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Wenn es dann hochkocht, ist es oft spät.

Tabletop-Übungen sind wichtig: Sie bauen das Fundament der Krisenmanagement-Struktur. Dann kommen Schulungen, erste Übungen im „Slow Setting“, um Abläufe zu lernen. Aber irgendwann musst du aufs Advanced Level – und da spielt das Immersive für mich sehr stark mit rein: realitätsnah simulieren, mit Tempo, Druck und echter Dynamik.

Das war einer der Auslöser, warum DIE KRISENPLANER im Herbst 2025 entschieden haben, diese Trainingssoftware ins Portfolio aufzunehmen. Welche typischen Schwächen zeigen sich bei klassischen Übungen?

▶️ Markus Glanzer: Klassische Übungen sind gut, um Struktur zu trainieren und zu internalisieren. Ich mag angeleitete Planspiele: Sequenzen einspielen, Reflexion, nächste Sequenz. Der Realitätscheck fehlt aber oft. Beispiel: Ein Kommunikationsteam bekommt einen Zettel mit einem Social-Media-Post und erklärt, was es tun würde. Aber es tut es nicht. Und das ist entscheidend: Wer im Training nur analysiert („Dann würden wir …“), glaubt in der Krise manchmal, es getan zu haben – obwohl es nie passiert ist.

Daher der Spruch: „Train to fight, because we will fight as we train.“ Wenn wir mit Zetteln arbeiten, erzählen Menschen in der Krise dem Stabsleiter, was sie tun würden – statt es zu tun. Immersive Simulationen sind realitätsnah, weil tatsächlich etwas passiert: echte Einspielungen, Aktionen und unmittelbare Rückmeldungen.

Viele denken bei „immersiv“ an VR-Brillen. Wir meinen eher realistische digitale Umgebungen mit Dynamik, Tempo und Druck. Sophia: Was ist das Minimum, damit eine Übung als immersiv gilt?

▶️ Sophia Klewer: Eine VR-Brille braucht es meiner Meinung nach nicht – das kann sogar hinderlich sein. Entscheidend ist, eine möglichst realitätsnahe Situation zu schaffen. Das heißt: Krisenstab oder Krisenteam zusammenbringen – vor Ort oder digital – und ein Szenario dynamisch abbilden, nicht nur diskutieren. Bei uns kommen dann zum Beispiel E-Mails, Social-Media-Beiträge und Telefonanrufe (mit Rollenspieler:innen). Wichtig ist: nicht sagen „Wir würden auf die Presseanfrage reagieren“, sondern die Antwort tatsächlich schreiben oder das Interview wirklich führen. Also: in Aktion den Ernstfall durchspielen, inklusive Lagebild, Entscheidungen und Krisenstabs-Meetings.

Für welche Szenarien eignet sich eine immersive Krisensimulation überhaupt?

▶️ Sophia Klewer: Für fast alle. Unser Ansatz war: Wie können wir möglichst viele Krisenszenarien digital abbilden? Denn Krisen finden heute fast immer auch digital statt – als „digitaler Zwilling“ über Kommunikation und Wahrnehmung. Ein Brand im Gebäude ist sofort auf Social Media, Mitarbeitende und Anwohner:innen stellen Fragen – und Krisen werden mit digitalen Tools gemanagt. Darum bauen wir diese Umgebung nach. So lassen sich viele Szenarien abbilden: von Krisenkommunikation über Cyberangriffe bis hin zu physischen Lagen wie Amok- oder Terrorlagen in Unternehmen.

Wichtig: Die Software ist ein Trainingsmedium, kein „Laptop-Solo“. Die Teilnehmenden sind gemeinsam im Raum und nutzen das Tool, um die Lage zum Leben zu erwecken – die eigentliche Arbeit passiert im Team: Lageerfassung, Visualisierung, Diskussion, Entscheidungen.

Wie stark lässt sich die Simulation an Branche, Organisation und Risikoprofil anpassen? Und wo sind Grenzen?

▶️ Sophia Klewer: Man kann es praktisch zu 100 % auf die Organisation zuschneiden. Man kann generisch starten, aber meist sind Szenarien maßgeschneidert. Stakeholder, Personen, Behörden – alles lässt sich abbilden. Grenzen gibt es kaum; ein Spezialfall ist der Blackout, weil man für die Software Strom braucht. Und ja: Man kann auch „eine wütende Menge“ auf Social Media simulieren – Meldungen im Sekundentakt, mit entsprechendem Druck.

Welche Kommunikationsfallen werden in Simulationen sichtbarer als in Workshops oder klassischen Trainings?

▶️ Markus Glanzer: Je realistischer und dynamischer die Simulation, desto schneller sieht man Fallen: Missverständliche Formulierungen, zu späte Reaktionen, fehlende Antworten – und vor allem: dass man Inhalte wirklich produziert und nicht nur darüber spricht. In Simulationen bekommst du unmittelbares Feedback, zum Beispiel über Reaktionen auf Posts. Und auch als Übungsleitung übersieht man weniger, weil alles unter Zeitdruck sichtbar wird.

Spannend ist auch: Alles wird mitprotokolliert – Reaktionszeiten, Antworten, Ignorieren. Das wird im Reporting transparent. Sophia, nimm uns bitte mit: Wie läuft eine Simulation typischerweise ab – von Briefing bis Debriefing?

▶️ Sophia Klewer: Wir starten mit einem kurzen Intro-Briefing: Was machen wir in den nächsten Stunden? Je nach Ziel dauert es meist drei bis acht Stunden. Die Software ist wie ein Browser, daher ist das Onboarding kurz. Dann geht es schnell los: Krisenauslöser, dynamische Entwicklung, Krisenstabsarbeit. Über die Spielzeit kommen Einspielungen: Medienberichte, E-Mails, Social Media, Telefonanrufe. Mit Rollenspieler:innen trainieren wir auch das Sozialverhalten – extern gegenüber Stakeholdern und intern im Team. Und wir steuern die Intensität: Wenn es zu ruhig ist, drehen wir hoch; wenn es zu überfordernd ist, drehen wir runter, um Lernziele zu erreichen.

Beobachtet wird durch Trainer:innen und über die Daten in der Software. Danach gibt es ein Debriefing: Was haben wir erlebt? Was haben wir gelernt? Oft kommen die wichtigsten Erkenntnisse direkt aus dem Team – zum Beispiel: Das 100-seitige Handbuch hilft im Moment nicht, wir brauchen praktikablere Playbooks.

Wie viele Personen sollten bei so einer Simulation mitmachen – und welche Rollen müssen besetzt sein?

▶️ Sophia Klewer: Das hängt von der Organisation ab. Möglich ist vieles – von drei, vier Personen bis zu Großübungen. Typisch sind aber 10 bis 20 Personen, also ein klassischer Unternehmenskrisenstab, ggf. mit Stellvertreter:innen und Supportfunktionen.

Wie geht man damit um, wenn Rollen noch nicht sauber definiert sind oder sich der Krisenstab erst finden muss?

▶️ Markus Glanzer: Jeder Krisenstab muss sich am Anfang sammeln, weil das nicht Business-as-usual ist. Zuerst kommt oft Chaos: Informationen aus vielen Kanälen, hohe Geschwindigkeit. Dann muss man filtern: Was ist passiert, wie sind wir betroffen, wie sieht das Lagebild aus? Wenn Rollen und Strukturen unklar sind, fährt das schnell an die Wand. Und genau da ist Simulation stark: Ich kann stoppen, kurz reflektieren, Rollen klären, Entscheidungswege justieren – und dann an einem Punkt wieder starten. In der echten Krise geht das nicht.

Außerdem hilft die abgeschlossene Kommunikationsumgebung: In der Übung kommen nur die Übungsnachrichten rein – nicht die normalen Business-Mails. Damit bleiben die Teilnehmenden in der Rolle und arbeiten sauberer.

Vor Ort oder remote/hybrid – was empfiehlt ihr?

▶️ Sophia Klewer: Wenn man wenig Erfahrung hat, empfehle ich zuerst vor Ort. Remote oder hybrid bringt zusätzliche Komplexität. Gleichzeitig ist es realistisch, dass Krisen am Wochenende oder außerhalb der Geschäftszeiten auftreten und Teams remote zusammenkommen. Darum: Erst vor Ort starten, dann als nächster Schwierigkeitsgrad remote/hybrid – auch, um die digitale Infrastruktur und das Zusammenarbeiten unter Stress zu testen.

Was braucht es an Vorbereitung? Kann man starten, wenn Krisenpläne noch nicht perfekt sind?

▶️ Sophia Klewer: Ja. Simulationen eignen sich auch als Nullmessung: Was funktioniert, was nicht? Krisenmanagement ist keine Rocket Science – entscheidend ist, ins Tun zu kommen. Das Übungsdesign passt man an den Reifegrad an: zuerst sensibilisieren, nicht überfordern, dann schrittweise steigern. Und wichtig: Übungen sind keine Einzelmaßnahme, sondern sollten regelmäßig wiederholt werden.

Was ist das kleinste sinnvolle Setup für den Einstieg?

▶️ Markus Glanzer: Für mich beginnt es mit Schulung: Rollen, Aufgaben und Struktur des Krisenteams/Krisenstabs verstehen. Danach kommt ein geführtes Simulationstraining mit konkreten Szenarien. Und dann die Übung – bis hin zur scharfen Krisenstabsübung als echter Check. Perfekte Dokumentation ist nicht das Ziel. Ein Hochglanz-Handbuch ist nur Papier. Die Krise hält sich nicht an Drehbücher. Wichtig ist die Wirkung: Schulen, trainieren, üben – und dadurch Entscheidungen und Kommunikation verbessern.

Woran erkennt man, dass eine Übung gewirkt hat?

▶️ Sophia Klewer: Man merkt es im Raum: Spannung, Fokus – die Teilnehmenden sind im Szenario drin. Wenn man beendet, fällt der Stress sichtbar ab. Im Debriefing kommen konkrete Erkenntnisse und Lösungen. Am schönsten ist es, wenn Maßnahmen zwischen den Übungen umgesetzt werden: Rollen nachschulen, Playbooks entwickeln, Prozesse anpassen – und die nächste Übung spürbar besser läuft. Viele sagen danach: Ich fühle mich sicherer und selbstbewusster. Das ist ein wichtiger Faktor für Resilienz.

▶️ Markus Glanzer: Übung muss fordern, aber nie überfordern. Eine Übung ist nicht erfolgreich, wenn sie Menschen schadet. Als Übungsleitung ist es die Kunst, Teams herauszufordern, aber rechtzeitig abzuholen – und so die Lernkurve zu erhöhen. Wir berücksichtigen dabei auch psychologische Aspekte, damit es nicht zu Überlastung oder Retraumatisierung kommt.

Was sollen Teams in den ersten Tagen nach der Übung tun, damit aus Learnings echte Verbesserung wird?

▶️ Markus Glanzer: Unmittelbar danach: erst sacken lassen – eine Nacht drüber schlafen. Das erste Debriefing fängt Emotionen ab. Dann braucht es schnell Umsetzung: Lessons identified in Dokumente und Arbeitsweisen überführen und weitere Trainingsmaßnahmen planen. Wichtig ist Regelmäßigkeit: Ein Muskel wächst nicht von einmal Training.

Wenn ein Unternehmen noch nie wirklich geübt hat – was sind sinnvolle erste Schritte?

▶️ Sophia Klewer: Langsam heranführen. Man muss nicht sofort mit sechs Stunden starten. Ein kurzer Einstieg (z. B. zwei Stunden, eine Stunde Simulation) nimmt Nervosität und schafft eine Lernumgebung. Man kann auch mit generischen Szenarien beginnen und sich dann steigern. Entscheidend ist, dass man sich darauf einlässt – und anfängt.

▶️ Markus Glanzer: Für mich ist der Anreiz klar: Es ist sehr nahe an der Realität. Wir alle arbeiten täglich mit E-Mail, Social Media und digitalen Nachrichtenquellen. Genau das kann man mit solchen Tools hervorragend simulieren. Für mich gibt es keinen Grund, es nicht zu nutzen.

DIE KRISENPLANER sind übrigens  seit 2025 offizieller Partner von PREVENCY® in Österreich.

Erfahren Sie mehr unter:  https://www.krisenplaner.at/krisensimulation-krisentraining-prevency

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