Risiko Management Prozess

Explosion in Beirut

Wie kann so ein katastrophaler Unfall passieren?

Mehr als hundert Menschen getötet. Tausende verletzt und rund 300.000 Menschen obdachlos. Eine halbe Stadt verwüstet. Durch eine Explosion von 2.700 Tonnen Ammoniumnitrat, die in einer Halle im Hafenviertel von Beirut gelagert wurden. Die Schlagzeilen über den verheerenden Unfall in Libanons Hauptstadt sind in diesen Tagen omnipräsent.

Unfall wäre vermeidbar gewesen

Es ist nur zu vermuten, was hier genau passiert ist. Und natürlich müssen die Ursachen noch endgültig geklärt werden. Dennoch: Solche Unfälle können verhindert werden! Jetzt lasse ich die rechtlichen Bedingungen zur Lagerung von solchen Gefahrenstoffen mal außen vor, denn dafür müsste ich das libanesische Recht im Detail kennen. Deshalb konzentriere ich mich in diesem Blog-Beitrag ausschließlich auf die Themen Risikomanagement und die daraus abgeleiteten Sicherheitsmaßnahmen. Einige Dinge sind lediglich Annahmen, da die Hintergründe zur Lagerung bis dato noch nicht vollständig bekannt sind. Es gab jedoch bereits 2014 in den Medien Hinweise auf die Gefahr, die von dem gelagerten Ammoniumnitrat ausgeht.

Faktor Mensch ausschlaggebend

Wovon ich aber ausgehe ist, dass der Faktor Mensch hier sicher eine entscheidende Rolle gespielt hat. Denn irgendjemand hat die Entscheidung zur Lagerung des Ammoniumnitrats getroffen. Danach hat sich eine Kette an Entscheidungen und Handlungen fortgeführt, die schließlich in der Katastrophe endete. Hier wirken sich dann sehr oft Faktoren wie mangelndes Wissen oder fehlendes Bewusstsein und in weiterer Folge der mitunter leichtsinnige Umgang fatal aus.

Denn eines ist unumstritten: Ammoniumnitrat – der Grundstoff für die Herstellung von Düngemitteln – hat eine hohe Sprengkraft, rund 2.500 Meter pro Sekunde. Deswegen wird dieser Stoff  auch zur Herstellung von Sprengstoffen – sowohl konventionellen Industriesprengstoffen als auch unkonventionellen Sprengstoffen – für Verbrechen oder terroristische Aktivitäten verwendet. Warum? Weil Ammoniumnitrat gut verfügbar ist.

Ist Ammoniumnitrat so gefährlich?

Ja und nein. Tatsächlich kann es sehr leicht zur Detonation gebracht werden. Es gilt als brandfördernd und explosionsgefährlich beim Erhitzen. In Deutschland ist die Verwendung im Sprengstoffgesetz geregelt und so darf Ammoniumnitrat nur noch gemischt mit harmlosen Stoffen (z.B. Kalk) in Düngemitteln verwendet werden (siehe Quelle). Es gibt dazu ebenfalls EU-rechtliche Bestimmungen. Wenn es jedoch in reiner Form gelagert wird, wie es in Beirut der Fall gewesen sein dürfte, ist es gefährlich. Das und die horrende Menge, die in dieser Halle gelagert wurde, erklären die gewaltige Explosion.

Bei meinen Recherchen nach bisherigen Unfällen mit Ammoniumnitrat bin ich auf einige in der jüngeren Vergangenheit gestoßen. Beispielhaft und in mehreren Quellen genannt werden folgende Unfälle: 2001 in Toulouse in einem Silo, 2004 ein Frachtwaggon in Ryongchon, 2013 in einer Düngemittelfabrik in Texas oder 2015 im Hafen von Tijanjin.

Hohes, nicht akzeptables Risiko

Von der Risikobewertung ist völlig klar, dass eine Lagerhalle voll mit brand- und explosionsgefährlichen Stoffen ein sehr hohes und nicht akzeptables Risiko bedeutet. Die Auswirkung einer Explosion von 2.700 Tonnen „Sprengstoff“ in einer Lagerhalle in einer Stadt ist als katastrophal zu werten. Die Wahrscheinlichkeit ist hier ebenfalls als hoch einzustufen.

Werden die Auswirkungen derartiger Unfälle mit der Wahrscheinlichkeit multipliziert, ergibt sich in diesem Fall ein hohes Risiko. Nehmen Verantwortliche dieses Risiko in weiterer Folge bewusst in Kauf oder erkennen es etwa gar nicht, dann sind für solche Unfälle Tür und Tor geöffnet. Solche Katastrophen lassen sich aber vermeiden bzw. können die Schäden im Falle eines unvorhersehbaren Unfalls oft gering gehalten werden, wenn frühzeitig geeignete Maßnahmen geplant und umgesetzt werden.

Was kann getan werden?

Nehmen wir an, dass die Verwahrung bzw. Lagerung der 2.700 Tonnen notwendig waren. Eine sehr effektive Maßnahme wäre die Vermischung mit einem neutralisierenden Stoff wie z.B. Kalk. Ist dies nicht möglich, dann wäre eine Aufteilung in kleine Lagereinheiten und eine Lagerung in unbesiedelten Gebieten eine mögliche Maßnahme. Weiter sollte die Lagerzeit so kurz wie unbedingt notwendig gehalten werden, Temperaturkontrollen und Temperatur regulierende Maßnahmen (Schutz vor Überhitzung) in der Lagerstätte durchgeführt werden. Ich bin weder Chemiker noch Sprengstoff-Experte und deshalb sind diese Maßnahmen auch nur exemplarisch für eine Risikominimierung hier genannt. Es gibt sicher noch andere und wahrscheinlich effektivere Maßnahmen.

In jedem Fall sollten Sie Expertinnen und Experten zu Rate ziehen, wenn Sie selbst unsicher sind. Dadurch bekommen Sie wesentliche Information für das Risikomanagement sowie die Planung und Umsetzung von Sicherheitsvorkehrungen. Das ist wohl eine der wirksamsten und empfehlenswertesten Maßnahmen überhaupt.

Fundiertes Risikomanagement

Dieses Beispiel lässt sich auf unzählige Situationen des täglichen Lebens oder Firmenalltags runterbrechen. Deshalb ist ein fundiertes Risikomanagement, wenngleich es aufwendig und zeitintensiv ist, das A und O zum Schutz von Systemen oder Unternehmen.

  • Variante 1: Es gibt ein gutes und funktionierendes Risikomanagement. Gratulation, Sie können hier zum Lesen aufhören. Sehr oft beobachte ich jedoch, wie das Thema Risikomanagement belächelt und vernachlässigt wird.
  • Variante 2: Es gibt keines, denn es wird schon nichts passieren. Ganz schlechte Idee!
  • Variante 3: Es wird meist nur das Notwendigste durchgeführt.

Risiko ist wie Schweizer Käse

Ist der Ernstfall eingetreten bzw. ist es zur Katastrophe gekommen, steht plötzlich die Frage im Raum: Wie konnte das bloß passieren? Die Antwort ist so einfach wie banal und lässt sich mit dem Schweizer-Käse-Modell anschaulich erklären. Der britische Psychologe James Reason zeigte in einem Modell erstmals auf, wie es von der Gefahr zum tatsächlichen Unfall kommt.

Stellen Sie sich Sicherheitsmaßnahmen als Käsescheiben vor. Werden auf der Strecke zwischen Gefahr und Unfall eine oder mehrere Käsescheiben als Barriere eingesetzt, dann wird die Unfallgefahr minimiert oder aufgehoben. Jetzt hat der Schweizer Käse allerdings Löcher und wenn sich das Loch an der gleichen Stelle durch alle Scheiben zieht, setzt sich der Fehler durch. Dann kommt es wiederum und unweigerlich zum Unfall. Das passiert zum Beispiel dann, wenn Sicherheitsvorkehrungen oder das Risikomanagement nicht ausreichend oder fehlerhaft sind.  

Restrisiko ist hinterhältig

Was genau in Beirut geschah, ist zum Zeitpunkt der Erstellung des Beitrags noch Gegenstand von Untersuchungen. Sind solche Unfälle vermeidbar? Aus meiner Sicht ein klares Ja! Dieser Blog-Beitrag soll als kleiner Anstoß dienen, sich wieder einmal Gedanken zum eigenen Risikomanagement und den Sicherheitsmaßnahmen zu machen. Sind die identifizierten Risiken aktuell, passt die Analyse und Bewertung noch oder sind Aktualisierungen notwendig? Denn das Restrisiko ist hinterhältig. Es besteht aus dem akzeptierten Risiko und dem nicht identifizierten Risiko nach ONR 49000. So wächst es möglicherweise, ohne dass Sie es mitbekommen.

Autor: Markus Glanzer | glanzer@krisenplaner.at

Veröffentlicht am: 6. August 2020

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